den kenni aa

Den kenni aa – Porträts Bamberger BürgerInnen Bamberg
Gesicht(er) einer Stadt 120 Fotografien – 60 Menschen – 1 Stadt

„Wird man photographiert, so befindet man sich in einem Zustande der Spannung und diese bekundet sich im Antlitz. Man wartet bis der Moment kommt, wo man geköpft wird. Nun fixiert der Mechanismus des Apparats dieses Gesicht; er kann fürchterlich genau treffen, eine entsetzlich scharfe Wahrheit geben. Aber diese fotografische Wahrheit ist

eine vollendete Unwahrheit, denn das Original hat in diesem Moment eben doch nicht
sein wahres Gesicht gehabt. “ (F. Th. Fischer, Das Schöne in der Kunst, 1898) Schon
sehr bald nach der Erfindung der Fotografie (1839) wurde das junge Medium mit Vorliebe für Porträts bekannter Persönlichkeiten eingesetzt. Eine der frühesten Serien fotografischer Bildnisse war die der Politiker der Nationalversammlung von 1848. Zu den Gründen dürfte nicht nur der pragmatische Aspekt der Zeitersparnis gezählt haben – die Zahl der für eine gemalte Porträtserie erforderlichen Sitzungen ließ sich durch die Fotografie auf ein Minimum reduzieren –, sondern vermutlich auch die Faszination der neuen Technik
zur präzisen Ab-Bildung, zum vermeintlich getreuen Festhalten eines historischen Moments. Sonja Krebs und Monika Meinhart knüpfen mit ihren Porträts von bekannten BambergerInnen an die Frühzeit der Fotogeschichte an. Hermann Biow verzichtete in seinen Daguerreotypien der Nationalversammlung von 1848 vollkommen auf Hintergründe, Requisiten setzte er äußerst sparsam ein. Das lag zum einen wahrscheinlich an der leichteren Übertragbarkeit in ein anderes Medium, denn die Aufnahmen bildeten die Vorlagen für Lithografien der Politiker, die deutschlandweit verbreitet wurden. Doch hat dieses Verfahren noch einen anderen, einen ästhetischen Effekt: Die Person selbst gewinnt ein besonderes Gewicht. Die Fotografinnen haben sich absichtlich nicht in den Lebensraum der Abgebildeten begeben, sondern diese in eine neutrale Umgebung gebeten. Von den Lebensumständen, der Arbeitswelt oder persönlichen Beziehungen
der Porträtierten gehen so keine unmittelbaren Informationen in das Bild ein. Hierin offenbart sich ein bestimmter Modus der Porträtkunst, ein anderer, als etwa in dem berühmten Bildnis Balthasar Neumanns sichtbar wird, das es dem porträtierten Architekten gestattet, seine Profession und Leistung durch den Grundriß in seiner Hand deutlich vorzuführen. Sonja Krebs und Monika Meinhart erlaubten es den Dargestellten lediglich durch das Angebot, verschiedene Kleidungsstücke mitzubringen, sich eine Hülle zu geben – eine Hülle freilich, die dennoch mit Individualität, Facetten des Auftretens und Selbstdarstellung zu tun hat. Natürlich gehört das Posieren zum Porträt. Daran ist das Arrangement der Fotografinnen ebenso beteiligt wie der Wille der Abzubildenden, sich gemäß der eigenen Wirkungsabsicht verewigen zu lassen. Bei der Sitzung wünscht sich gewiß mancher Porträtierte die Ruhe herbei, die ein gemaltes Bildnis gegenüber einem fotografierten bietet, die größere Zeit, sich selbst wie gewünscht zu konstruieren.
Sich auf Aufforderung betont locker zu geben oder gar so, wie man gerne wirken möchte, ist offensichtlich nicht jedermanns Sache. Das Foto wird binnen eines Sekundenbruchteils auf den Bildträger gebannt – und daraus ergibt sich ein eigenartiges Paradox zum Wesen und zur Frühgeschichte des Porträts, das mit Dauerhaftigkeit zu tun hat. Die Ursprünge der Bildniskunst liegen in dem Bemühen, dem vergänglichen Körper Ewigkeit zu verschaffen. Das Porträt entstand in vorgeschichtlicher Zeit im Kontext des Totenkultes, die dauerhafte Erinnerung an den flüchtigen Augenblick physischer Präsenz war sein Ziel. Vielleicht ohne sich dessen bewußt zu sein, ahnt doch jeder, der sich etwa unverhofft als Ziel eines Schnappschusses entdeckt, daß dieser flüchtige Augenblick der Verschlußzeit der Kamera den Zustand des Körpers und seines Ausdruckes für eine Ewigkeit konserviert – eine Art Ewigkeit zumindest: eine uns doch im Innersten ungeheure Zeit, die größer ist als die dem abgebildeten Körper zugemessene. Diese Verewigung des Augenblicks, die mit der Porträtfotografie verbunden ist, schließt „Natürlichkeit“ für den Menschen vor der Kamera von vorneherein aus. Hier ist die soziale Kompetenz der Künstlerinnen gefragt:
Die Fotografie ist auch Kommunikation mit den Porträtierten. Die Kunst besteht darin,
den geschilderten problematischen Augenblick kreativ fruchtbar zu machen, mit dem Gegenüber so einfühlsam umzugehen, daß es etwas von sich preisgibt, was mehr ist als Pose, mehr als Berechnung oder auch Hilflosigkeit und Beklemmung in dem durch Ewigkeit belasteten Augenblick. Sonja Krebs und Monika Meinhart präsentieren das Gesicht einer Stadt – zusammengesetzt aus 120 Fotografien von 60 Menschen.
Alle Porträtierten stehen in Beziehung zu ein und derselben Stadt, zu Bamberg.
Die Summe ihrer Fotografien ergibt ein Bild der Stadt. Die Fotografinnen wählten nach
dem Kriterium „bekannt“ Frauen und Männer aus, die in der Öffentlichkeit stehen. „Bekannt“ meint hier im Ortsbild präsent, ist also keineswegs nur synonym mit „prominent“, denn die Marktfrau ist es genauso wie der Politiker, die weltliche oder geistliche VIP oder der Kulturschaffende. Kontrastreich und spannend wird die Zusammenstellung durch die verschiedenen Sichtweisen der beiden Fotografinnen. Im Begleitbuch ergänzen sehr persönliche Aussagen zum Thema „Bamberg“ die Porträts; allen Porträtierten wurden die gleichen Fragen gestellt. Die Antworten sind natürlich ebensowenig dieselben wie die Gesichter.

Dr. Regina Hanemann
Direktorin der Museen der Stadt Bamberg
Aus dem Ausstellungskatalog:
Schriften der Museen der Stadt Bamberg
herausgegeben von Dr. Regina Hanemann

Nr. 43
den kenni aa

Advertisements